Altherrenfahrt 2019: auf der Elde zum Schweriner See

„Die Zeichen stehen auf Altweibersommer“

Montag, 9. September, 10,3 km: Dömitz – Neu Göhren

Wie beruhigend, dass selbst in Zeiten von KI (Künstlicher Intelligenz) nicht alles im Leben perfekt ist. Während also die Wetterprognose vom Sonnabend den Altweibersommer ankündigt, erfrischt uns ein geradezu englischer Dauerregen, nachdem wir in der einzigen Regenpause des Tages die Boote aufriggern und unser erstes Buffet veranstalten dürfen. Die Hinfahrt vom RUA-Bootshaus nach Dömitz verlief vorher, wie nicht anders erwartet, planmäßig, mit einem kurzen Boxenstopp in der vorausberechneten Zeit von drei Stunden. Nachdem die drei Boote Willi Kantel, Havel und die von Harald wunderbar restaurierte alt-neue Brandenburg im Wasser sind, starten wir gegen 14 Uhr, um von den folgenden drei Stunden fast zwei in den drei Selbstbedienungsschleusen zu verbringen und zum Lockern der verspannten Muskulatur zwischendurch ein paar Ruderschläge machen zu dürfen.

Immerhin erfreuen wir uns an einer meditativ wirkenden graugrünen Landschaft, die die Elde, ein kleines Flüsschen zwischen Elbe und Schweriner See, einrahmt. Wenn man von dem von oben kommenden Nass absieht, haben wir sogar beste Ruderbedingungen. Am Campingplatz Neu Göhren legen wir die Boote ab und fahren zur Unterkunft in Ludwigslust, dem Landhaus Knötel, wo man als Dessert auch Knödel bestellen kann, aber dem seriösen Protokollanten verbieten sich ja leider Nameswitze … Das gemeinsame Abendessen ist für fast alle zufriedenstellend und gegen 21 Uhr beendet, sodass einige Kameraden noch Fußball sehen können.

Dienstag, 10. September, ca. 35 km: Neu Göhren – Neustadt-Glewe

Na, wer sagt’s denn: Nicht gerade Altweibersommer, aber wenigstens kein Regen mehr. Nach dem Frühstücksbuffet im Landhaus fahren wir durch recht adrette Dörfer zu unseren Booten, um sie erstmal zu entwässern und dann ins Wasser zu bringen. Ein frischer Wind erschwert das Ablegen nur wenig, hilft uns aber, da meist als Schiebewind auftretend, zügig voranzukommen. Die Fahrt ist weitgehend sensationsfrei, wenn man davon absieht, dass uns  mal Kiefern mit Birken, dann wieder Eichen mit Kiefern und schließlich Kiefern in Monokultur still begleiten. Manchmal säumen auch Wiesen und Weiden unseren sich dahinschlängelnden Wasserweg und große Spannung ergreift die Mannschaften, wenn sie über den Ufersaum sehend eine Kuh oder einen Reiher erblicken können. Wir bewältigen zwei vormittägliche Schleusen, deren Becken sich wie schon gestern mit stoischer Langsamkeit füllen, um uns „bergwärts“ anzuheben. Als ob es in der DDR „nicht so drauf angekommen wäre“, stundenlang wertvolle volkswirtschaftliche Arbeitszeit zu verschwenden. Wahrscheinlich sind die Schleusen aber nach der Wende von Westdeutschen Firmen renoviert worden und da kam es ja wirklich nicht mehr so drauf an …

Altherren-Fahrt 2019: Zeitlupen-Schleuse

Nach 16 km erreichen wir den schönen Wasserwanderplatz „Eldekrug“ wo wir unsere Mittagsbrote verspeisen. Es folgen bei Sonnenschein, Starkwind und später auch Bewölkung noch knapp 20 km einschließlich zweier Schleusen, bei denen man die Zeitlupenfunktion auch leider nicht abschalten kann. Trotzdem sind wir fast eine Stunde vor dem von MI (Menschlicher Intelligenz) erarbeiteten Zeitplan am Ziel, dem Hafen von Neustadt-Glewe. Nach der Rückfahrt bleibt so etwas Zeit zu testen, ob das Zwickel-Bier noch genauso schmeckt wie am Vorabend.

Man kann auch ein kurzes Mittagsschläfchen absolvieren, wenn man nicht gerade Protokoll schreiben muss. Zwei Ruderfreunde machen den GAF (größten anzunehmenden Fehler), den man in dieser Situation begehen kann und entscheiden sich für den Schlaf ohne einen Wecker zu stellen. Der daraus folgende Skandal, nämlich das verspätete Erscheinen zur abendlichen Essensausfahrt wird noch dadurch getoppt, dass beide nach überstürztem Aufbruch, das Beste im Mann, nämlich ihre Kappen, vergessen. Langjährige Altherrenfahrt-Mitruderer beruhigen sich ob der Vorkommnisse erst, als zwei Getränkerunden als kleine Wiedergutmachung angesagt werden.

Altherren-Fahrt 2019: Elde

Wir speisen in der Burg Neustadt-Glewe, die um das Jahr 1250 erstmals erwähnt wird, in einem sehr schönen Rittersaal. Der Koch nahm die Tatsache, dass es in Burgen früher immer klamm war, etwas zu wörtlich und ließ die Vorsuppe einiger Kameraden in vorgekühlten Tellern etwas kühler als lauwarm servieren. Sehr authentisch zwar, aber doch Anlass für Reklamationen, die erhört und mit einem doppelten Obstler ausgeglichen wurden. Plötzlich wollten viele ein kaltes Essen gehabt haben … Insgesamt trotzdem ein empfehlenswertes Restaurant mit sehr moderaten Preisen bei guter Qualität. Da nach der frühen Rückkehr im Landhaus schon alle Lichter gelöscht sind und somit der Verzehr eines weiteren Absackers nicht möglich ist, zieht bei der Arkona-Familie eine frühe, kräfteschonende Nachtruhe ein.

Mittwoch, 11. September, ca. 31 km: Neustadt-Glewe – Raben Steinfeld

Nach den morgendlichen Ritualen fahren wir nach Neustadt-Glewe, und die Fahrt beginnt ohne Verspätungen von Kameraden – natürlich – mit einer Schleuse. Das Wetter ist ideal zum Rudern: kühl und trocken, die Sonne wärmt trotzdem und der Wind weht vorerst nur mäßig. Wir biegen in den Störkanal ab und rudern immer geradeaus bis zur Mittagspause nach Banzkow. Dort müssen wir nach zwei Ruderkilometern noch die zehnte und letzte Schleuse passieren, was trotz eines Schleusenmeisters, der das Wort „Service“ nur in Zusammenhang mit Porzellan kennt, gelingt. Schließlich muss er für drei lächerliche Ruderboote seinen achtstündigen Schönheitsschlaf während der „Arbeitszeit“ unterbrechen. Wegen einer defekten Klappbrücke direkt hinter der Schleuse mit einer Durchfahrthöhe von ca. 1,50 m kann seit Monaten kein Motorboot in den Kanal einfahren und degradiert den Schleusenmeister (Schleusenwärter wäre der angemessenere Ausdruck) zur Untätigkeit.

Die letzten 11 km bis Raben Steinfeld, wo wir am Campingplatz anlanden, werden gemächlich ausrudernd bestritten. Auf den letzten Kanalmetern und am Beginn des Schweriner Sees ist das Wasser klar wie im Aquarium – noch nie gesehen. Auf der Terrasse der „Südstrandperle“ werden schon gegen 17 Uhr Bratwurst, Pommes, Soljanka und ähnliche Spezialitäten gegessen, um abends unsere Unterkunft nicht mehr verlassen zu müssen. Die alten Herren brauchen auch mal Ruhe; nix mehr von wegen „umme Häuser ziehen“!

Als wir kurz vor sechs Uhr losfahren, fallen die ersten Tropfen, bei denen es vorerst bleibt. Fahrtenleiter Bernd Zerban weiß, wie er seine Schäfchen bei Laune halten kann und opfert seine kurze Pause nach der Ankunft in der Marina Nord, um Bier, Wein und alle Arten von Dickmachern zu besorgen. Als Achim Gitarre und Songbooks verteilt, ist der Rest des Abends vorgezeichnet. Über die Rubriken „Seemannslieder“ und „Shanties“ arbeiten wir uns zum „Schlager“ vor und enden zwei bis drei Stunden später bei „Oldies“, bis der Fahrtenleiter Sorge um die Nachtruhe der anderen Gäste hat, und den Kulturabend mit Dank an Achim beendet. Ein paar Abschlussliedchen in kleinerer Runde kann der gestrenge Herr Lehrer aber nicht verhindern.

Altherren-Fahrt 2019: Singen mit Achim

So isset eben auf Klassenfahrt … Dass die Getränke nicht vollständig verzehrt werden, liegt übrigens nicht an nachlassender Trinkkondition, sondern eher am äußerst umfangreichen Angebot. Aber morgen ist auch noch ein Tag …

Donnerstag, 12. September, ca. 11 km: Raben Steinfeld – Schwerin (Marina Nord)

Die große Sorge der Fahrtenleitung ist, dass es am Freitag wegen vorhergesagten Schlecht- und Sturmwetters nicht möglich sein wird, die Boote zu unserer Marina zum Verladen zu bekommen. Also machen wir heute bei mäßigem Wind und heiter bis wolkigem Himmel eine kurze Vormittagsrunde von Raben Steinfeld zur Schweriner Rudergesellschaft von 1874/75. Leider ohne den Eingeborenengruß: „Grüß Mueß – vergiss nicht Zippendorf“ genau an diesen Dörfern vorbei. Nach dem Besuch im Verein umrunden wir die Schlossinsel, nicht ohne unendlich viele Fotos vom Schweriner Schloss geschossen zu haben. Frei nach dem Motto: Jedes Foto ist schon gemacht worden – nur noch nicht von jedem! Dann rudern wir aber doch zum Heidesee, wo wir die Boote an Land holen und unser Buffet veranstalten.

Nach zwei Stündchen Mittagsschlafpause (natürlich mit Wecker!) fahren wir nach Schwerin, um endlich mal in eine zünftige Konditorei, das Café Prag, einzufallen. Wir hinterlassen die Wirtschaft zwar nicht wie ein afrikanisches Maisfeld nach dem Besuch eines Heuschreckenschwarms, sorgen aber doch für gewisse Engpässe im Tortenangebot.

Frisch gestärkt schlendern wir bei schönstem Frühherbstwetter zum Schloss, wo uns die gefürchtete Führung bevorsteht. Aber die Angst erweist sich als überflüssig: Die Führerin, die seit den Siebzigerjahren im Schloss arbeitet, leitet uns sehr angenehm und natürlich durch das Schloss, sodass wir tatsächlich etwas schlauer herauskommen als wir hineingegangen sind. Wir wissen jetzt, dass das Schloss auf eine slawische Burg von 941 zurück geht, später die Residenz der mecklenburgischen Herzöge und Großherzöge war, in dieser Zeit zwischen 1845 und 1857 auch sein heutiges Erscheinungsbild erhielt und heute Sitz des mecklenburg-vorpommerischen Landtages ist. Kleine Anmerkung zur korrekten Aussprache: Mecklenburg nicht mit kurzem „e“ wie in „meckern“ sondern mit langem „e“ wie in „mehr“ oder „mäkeln“. Da wir nach der Besichtigung noch Zeit haben, umrunden wir das imposante Gebäude und gehen danach durch die Altstadt, die sich zur Aufnahme in die UNESCO-Weltkulturerbeliste mächtig herausgeputzt hat.

In der Wismarschen Straße finden wir zufällig das Altstadt-Brauhaus, wo sogar eine große Tafel für uns reserviert ist. Gabi bedient uns freundlich und professionell. Für die längere Wartezeit zu Beginn der Sitzung kann sie sicher nichts. Wie es sich für ein Brauhaus gehört, sind die Speisen deftig und reichlich. Der Lärmpegel ist hoch, denn es wird ja auch ein klein wenig Bier getrunken. Als wir zum Parkplatz der Autos zurückkehren (das Wort „wanken“ ist selbstverständlich fehl am Platze), steht extra für uns ein fast voller Mond über dem angestrahlten Schweriner Schloss. Fast schon ein bisschen kitschig. Aber trotzdem schön.

Altherren-Fahrt 2019: Schweriner Schloss

Der Abend klingt in kleiner Runde aus, die Reste vom Vorabend müssen noch konsumiert werden. Lebensmittel dürfen nicht weggeworfen werden!

Freitag, 13. September, ca. 14 km: Rundfahrt Schweriner See u.a.

Die Wettervorhersage hat endlich den Unsinn mit dem Altweibersommer zähneknirschend zurückgenommen. Die natürlichen Feinde des Ruderers, Regen und ein recht frischer Wind, treiben ihr Unwesen. Erst mal frühstücken und dann heißt es abwarten. Gegen 11 Uhr kommt tatsächlich die Sonne raus und die Boote werden ins Wasser gebracht, was wegen des hohen Steges und einer Betonrampe gar nicht so einfach ist. Vom Heidesee geht’s erstmal in den Ziegelaußensee, wo der Wind doch zu stark ist. Also zurück und in den Schweriner See nach Norden, wo auch nicht gerade Ruderwetter herrscht. Dann eben nach Süden gedreht, noch mal das Schloss umrundet.

Altherren-Fahrt 2019: Schloss Schwerin

Und, weil man ja nicht gegen das Wetter anrudern kann, zurück zur Marina, wo das Mittags-Reste-Buffet wartet. Nach dem Abriggern und Aufladen der Boote ist Mittagsruhe angesagt, bevor es ins geheimnisvolle Wiligrad geht. Dass hier ab 1947 die Landesparteischule der SED untergebracht war, ist heute nur noch eine Randnotiz wert. Im Gartencafé werden Kuchen und Riesenschalen Kaffee gereicht, bevor „die Frau mit den kräftigen Oberarmen“ das Geschirr abräumt. Spaziergang im Park ist Pflicht, die 90 Stufen zum See hinab sparen wir uns.

Und schon ist auf dieser Altherrenfahrt, die eigentlich eine Schlemmertour mit gelegentlichen Rudereinlagen ist, das Abendessen angesagt, das wir im Bootshaus der Schweriner Rudergesellschaft zu uns nehmen. Ein moderner Bau, den Blick aufs allgegenwärtige Schloss muss man mitbezahlen. Gehobenes Preisniveau, aber auch (bei fast allen) gute Qualität des Essens. Dem Reiseleiter Bernd Zerban wird traditionell der Dank der einfachen Mannschaften ausgesprochen. Nicht allzu spät erfolgt die Heimfahrt. Ein kurzer Plausch auf einer Terrasse, bei der die allerletzten trinkbaren Tropfen konsumiert werden, beschließt den Abend.

Samstag, 14. September, Schwerin – Spandau

Nach dem Frühstück ohne Kappenordnung erfolgt die unspektakuläre Rückfahrt ohne Stau. Ankunft bei der RUA um 12.15 Uhr. Nach dem Aufriggern eine letzte Zusammenkunft auf der Terrasse. Auf ein Neues im kommenden Jahr!

Klaus Becker

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